Zusammenfassung von "Süchtig sind wir alle"

 'Süchtig sind wir alle' ist ein Buch, das uns bewusst machen soll, wie sehr wir alle einen Hang zur Sucht haben. Die Tatsache, dass deswegen noch lange nicht alle in einer Sucht verkommen, hat der Autorin den Weg gewiesen in ihrem Verständnis von dem was Sucht ist und wie deren Therapie aussehen könnte. 
Können wir diesen Hang zur Sucht als eine normale Erscheinung in unserem Leben akzeptieren, so können wir auch lernen damit umzugehen. Müssen wir unseren Wunsch nach Ausgelassenheit und Euphorie weder unterdrücken noch verstecken, so gelingt es auch jedem einzelnen leichter zu unterscheiden, zwischen für ihn dazu geeigneten oder zu gefährlichen Hilfsmitteln, zwischen Drogen die ihn sogleich völlig vereinnahmen und solchen die ihm auch noch Zeit und Freude an anderem lassen.

 In einer ersten Annäherung an diesen Hang zur Sucht, hier Süchtigkeit genannt, wird am Umgang mit Esswaren, bei dem diese die Funktion von Drogen haben - bei übermässigem Essen oder der Essensverweigerung - beispielhaft gezeigt, dass Sucht und Süchtigkeit nicht einfach ausgerottet werden können. 
Wir alle müssen essen. Eine Sucht im Zusammenhang mit dem Essen kann also nicht nach dem Prinzip 'hören wir damit auf' geheilt werden. Andere Lösungen müssen gefunden werden. Und dies könnte auch richtungweisend sein für die übrigen Süchte. 
Wer an einer Essstörung leidet findet daraus heraus, indem er seinen andern Wünschen im Leben mehr Raum gibt und indem er seine Sucht und deren Sinn verstehen lernt. Anstatt den Versuch zu unternehmen damit aufzuhören, also das Essverhalten unter Kontrolle zu bringen, gibt er dem Essen einen andern Stellenwert und hat damit auch seine Gedanken anderswo. Er ist nicht mehr gezwungen, ständig ans Essen zu denken. 

Wege zu solchen praktischen Lösungen finden wir leichter, wenn wir davon abkommen Sucht als ethisch verwerflich und Süchtige zum vorhinein als Kranke abzustempeln. 
Es hilft uns weiter, eine Haltung gegenüber dem Leben zu suchen, in der Süchtigkeit Platz hat. 
Diese Haltung, hier Phänomenologie genannt, nimmt Abstand von der Ideologie der Zucht und Ordnung, in welcher Gehorsam den ersten Stellenwert hat. Dafür ist sie offen für Menschen und Dinge, so wie sie sind und sich zeigen, und sie ist offen für die Sehnsucht, die unser Leben als Wunsch nach Weite und Nähe zugleich durchdringt. Aus solcher Sehnsucht erhält Freiheit einen Sinn der sich nicht mit Unabhängigkeit deckt, sondern vom Wunsch nach Nähe und - immer wieder - neuen Bindung getragen ist. 
Freiheit und Sucht sind daher nicht gezwungenermassen Gegensätze. Oft wird in einer Sucht der Versuch unternommen, ein letztes Stück Freiheit zu erhalten, beispielsweise dann, wenn diese eingeschränkt ist durch Gewalt, durch moralische Schranken oder durch depressive Verstimmungen. 

Dennoch gibt es Süchte, die uns unserer Freiheit berauben, uns zu ihren Sklaven werden lassen. Solche Süchte gefährden die Betroffenen - und auch deren Umgebung - sodass es sicher angezeigt ist, sie einzudämmen, sie zu behandeln. 

Um an einer festgefahrenen, krankhaften Sucht etwas zu verändern, muss der Süchtige als ganzer Mensch dazu bereit sein und nicht nur sein Kopf. 
Dazu braucht er neue Lebensaussichten, erstrebenswerte Ziele, die das Leben sinnvoll machen. Neu an einer Aussicht ist oft nicht einmal der Inhalt, sondern allein der Umstand, dass es einen konkreten Weg dahin gibt. 

Therapeutische Hilfe kann hier ansetzen, indem sie nach Wünschen und Zielen fragt, und mit einem Betroffenen einen Weg sucht, welcher die Erfüllung eines Wunsches möglich macht. 
Süchtige und Angehörige erfahren dabei, dass sie nicht zu resignieren brauchen, da es sehr wohl möglich ist, sich aus einer Sucht zu lösen. 

Unsere Aufgabe als Gesellschaft kann es daher nicht sein durch Verbote und Zwangsmassnahmen Jugendliche um jeden Preis von Drogen und Sucht fern zu halten. Vielmehr geht es darum Drogen wieder als Genussmittel, sozusagen als Gewürz unseres Lebens, kennen und achten zulernen, und es geht darum sich niemals von einer Sucht ganz vereinnahmen zu lassen. 
Mit einer Haltung, welche die Augen nicht verschliesst davor, dass Drogen tatsächlich angenehme, schöne Gefühle erzeugen können, dass unser Körper und unser Geist zu viele Drogen über lange Zeit jedoch nicht verträgt, werden wir wohl mehr Erfolg haben, bei unserer neugierigen und bei unserer gelangweilten Jugend, als mit Verboten. Zeigen wir ihnen Genuss und Gefahren auf, können wir auf diesem Weg auch jedem nicht ganz, oder nicht mehr ganz vernagelten Süchtigen aufzeigen, dass es darum so wichtig ist, viele Wünsche zu haben und nicht nur einen. Viele Wünsche und Genussmöglichkeiten bieten vielerlei Befriedigungen. Die einen sind leicht, die andern nur durch eigene grössere Anstrengung zu erreichen. Die Macht eines Suchtgeschehens wird durch alle anderen Verlockungen und Freuden eingeschränkt und so als das absolut schönste Erlebnis - als das z.B. der Kick durch den Heroinschuss erlebt wird - in Frage gestellt.